Sonntag, August 05, 2007
posted by ChliiTierChnübler at 07:22

Neusten Meldungen zufolge, sollen 50 km südwestlich von London auf einem Betrieb 60 Rinder am 3. August 2007 positiv auf Maul-und Klauenseuche getestet worden sein. Unser Bundesamt für Veterinärwesen hat zwar in einem Interview des Schweizer Fernsehens dazu Stellung genommen und erklärt, es befänden sich bereits 11 Schafe, die kürzlich aus England importiert wurden im Hochsicherheitslabor zur Überwachung und dass ein sofortiges Importverbot von lebenden Tieren und Tierprodukten aus England verhängt wurde, jedoch auf der offiziellen Internetseite des BVet findet man heute Sonntag Morgen noch keinerlei Informationen darüber. Ebenso die internationale Meldestelle für Tiergesundheit "O.I.E", die jede gemeldete Tierseuche weltweit erfasst und publiziert, meldet noch nichts.

Sofort werden bei mir Bilder wach von brennenden Tieren im Jahr 2001...


Eine Rückschau auf die Ereignisse im Jahr 2001

Am 19. Februar 2001 bemerkte ein Tierarzt in Essex, in der Nähe von London, dass sich vor 3 Tagen angelieferte Schweine auffällig passiv verhielten. Als er sie genauer betrachtete, hatten sie Läsionen an der Rüsselscheibe und im Zwischenklauenspalt. Aufgrund der Serologie (Blutuntersuchung auf Virus oder Antikörper) wurde sein Verdacht "Maul- und Klauenseuche" bestätigt.


Wieso ist das MKS-Virus gefährlich?

Das MKS-Virus ist hoch infektiös. Nur schon 10 Erreger reichen, um eine Kuh zu infizieren. Wie gross die Gefahr einer Ansteckung ist, verdeutlicht die Tatsache, dass ein infiziertes Schwein innerhalb einer Stunde an die 10 Millionen Erreger ausscheiden kann. Zudem ist das Virus lange überlebensfähig in der Umwelt: im Stallmist, in Transportern, an Stiefeln, in tierischen Lebensmitteln (Fleisch, Milch!, Käse, etc.). Als Aerosole kann es zudem kilometerweit mit dem Wind verbreitet werden.

Infizierte Tiere werden rasch krank (einige Tage) und zeigen einen Leistungsabfall, Apathie, Schwäche, Lahmheit, Milchrückgang bis Totgeburten. Ausserdem Aphten (Blasen) an Klauen, Zunge, Maulschleimhaut, Rüsselscheibe und Euter. Die Tiere sterben nicht an dieser Krankheit, sie ist aber extrem schmerzhaft. Der Mensch kann sich nicht anstecken. Auch Pferde und andere Haustiere nicht. Jedoch sind alle Paarzeher betroffen (Rind, Schwein, Schaf, Ziege, Rotwild, Büffel, etc.). Die Maul- und Klauenseuche ist die bedeutenste wirtschaftliche Seuche!


Warum diese rasche Ausbreitung?

Der Tierarzt in Essex musste sofort Meldung machen. Die Presse berichtete am 20. Februar erstmals über den Ausbruch. Es war wichtig herauszufinden, woher die Schweine kamen und mit welchen anderen, für die Krankheit empfänglichen Tiere sie möglicherweise Kontakt hatten. Die Tiere waren aber schon einige Tage krank und setzten inzwischen Milliarden von Erregern frei. Und tatsächlich waren an ihrem Herkunftsort, 800 km nördlich von London, bereits weitere Tiere erkrankt: Schweine, Rinder und Schafe.

In England leben 35 Millionen Schafe und im Februar ist Hauptmarktzeit. Die Schafzüchter gehen oft auf 4 bis 5 Märkte täglich, bis sie die Tiere zum besten Preis verkaufen können. Somit sind in England im Februar ungefähr 100'000 Schafe täglich unterwegs. Darunter auch Schafe aus der Nachbarschaft der erkrankten Schweine. Besonders tückisch ist die Tatsache, dass Schafe oft gar keine Symptome zeigen der Krankheit, aber das Virus weiter verbreiten können.


Wie konnte man die Seuche stoppen?


So kam es, dass in weiten Teilen Englands verseuchte Betriebe gemeldet wurden. Im März 2001 kamen täglich 50 neue dazu. Diese Höfe unterlagen einer Sperrmassnahme. Es durften weder Tiere, noch Personen oder Waren den Hof verlassen. Es gab eine 3 km Schutzzone um den Betrieb, in der kein Tierverkehr erlaubt war. Ebenso in der 10 km Überwachungszone, wo nur mit Spezialbewilligung und nur nachweislich gesunde Tiere in die normale Schlachtung verbracht werden durften. Die Klauentiere des verseuchten Hofes, wie auch diejenigen aller benachbarten Betriebe und weiterer Kontaktbetriebe wurden getötet und verbrannt.

Die Massnahmen zeigten ab Juni 2001 Erfolg. Jedoch wurden immer wieder Ausbrüche gemeldet. Dies vor allem, weil sich Schafzüchter nicht an die Sperrmassnahmen hielten und weiterhin illegal handelten.

Eine wirtschaftliche Katastrophe:

Als Ende September 2001 der letzte Fall auftauchte, hatte der Erreger Nutztiere auf mehr als 2'000 Höfen befallen. Weitere 8'000 waren entweder benachbart oder hatten Kontakt zu den verseuchten Tieren. Es wurden 7.5 Millionen Tiere getötet und verbrannt. Weil die Kapazität der Verbrennungsanlagen nicht ausreichte, mussten sie improvisieren. Die brennenden Tierkadaver auf dem Scheiterhaufen sind uns allen noch im Gedächtnis.
7'800 Bauern verloren ihre Existenz. Die wirtschaftlichen Verluste betrugen 7.1 Mia SFr. in der Landwirtschaft und weitere 7.2 Mia SFr. durch ausbleibenden Tourismus.


Wie reagierte das europäische Festland?

Die EU und die Schweiz verhängten eine sofortige Importsperre über Tierimporte aus England. Ausserdem durften keinerlei Tierprodukte importiert oder eingeführt werden. Tierverkehr im Inland und Viehmärkte wurden teilweise verboten
Trotzdem kam es zu 2 Ausbrüchen in Frankreich und 26 in Holland. Man fand heraus, dass kranke Schafe aus England via eines irischen Handelsstalles nach Frankreich importiert wurden. Frankreich tötete daraufhin 60'000 mögliche Kontakttiere. Nach Holland kam der Erreger mit Kälbern aus Irland, die im selben Handelsstall standen, wie die Schafe aus England. Auch weitere Länder töteten vorsorglich mögliche Kontakttiere. Wegen fehlender Kapazitäten wurde oft Notgeimpft, um die Virusverbreitung einzudämmen und die Tiere später getötet und entsorgt.


Warum impft man nicht?

Bis in die 70er Jahre war der Erreger der Maul- und Klauenseuche endemisch in Europa. Mit einem grossangelegten Impfporgramm konnte der Erreger in Westeuropa weitgehend eliminiert werden. Der letzte MKS-Fall in der Schweiz war 1980. Seit den 90er Jahren wird darum nicht mehr geimpft.
Das MKS-Virus hat verschiedene Serotypen (7) und diverse Subtypen (65), die je nach Region unterschiedlich sind. Der Erreger des Ausbruchs 2001 stammte aus Asien. Unsere Tiere hätten sich auch geimpft angesteckt, weil unsere Impfung in der 80er Jahren einen Cocktail aus den 3 europäischen Serotypen enthielt. Da wir nicht gegen alle diese Serotypen und Untertypen impfen können die weltweit vorkommen, beschränkt sich Westeuropa auf die Kontrolle der Importe lebender Tiere und deren Produkte aus gefährdeten Gebieten und der geziehlten Impfprogramme in der Türkei, die als europäische Pufferzone zum "MKS-Gürtel" gilt, der vom asiatischen Teil der Türkei, Indochina, weite Teile Afrikas bis Südamerika geht.
Mit der Globaliserung und damit verbundenen weltweiten Handel mit Tieren, Tierprodukten und dem Individualverkehr, kann man die Verbreitung des MKS-Virus nur prophylaktisch eindämmen. Jede Person, die illegal rohes Fleisch, ungenügend erhitztes Fleisch und andere, nicht fachgerecht verarbeitete Tierprodukte aus den Ferien oder dem Heimatland mitbringt, kann das Virus verschleppen. Und damit auch viele weitere Krankheitserreger, wie zum Beispiel der der Schweinepest oder die potentiell für Menschen gefährliche Vogelgrippeviren.
Korrekt verarbeitete Produkte wären keine Gefahr, nicht zuletzt deshalb ist die Massenvernichtung der (gesunden) Verdachtstiere sowohl wirtschaftlich wie auch ethisch eine einzige riesige Verschwendung von Ressourcen, Genmaterial und natürlich Tierleben.


Wie kam das MKS-Virus nach England?

Nach England kam das Virus mit (illegalem?) Rohfleisch-Import aus Asien in ein lokales Restaurant. Das Fleisch wurde in diesem Restaurant dann nicht vorschriftsmässig erhitzt und in den verfütterten Fleischabfällen war genug Virusmaterial, um die Schweine, die später in Essex als erste gemeldet wurden, anzustecken.


Wird 2007 ein neues Seuchenjahr?

Ob sich die Seuche wieder so schnell ausbreitet, hängt davon ab, wie rasch der jetzige Ausbruch erkannt wurde, ob die Kontakttiere schnell ausgemacht werden können und ob die Virusquelle lokalisiert werden kann. Natürlich müssen die Sperrmassnahmen eingehalten werden. Da das Seuchenbewusstsein sowohl bei Tierärzten wie auch Bauern seit 2001 viel höher ist, lässt uns hoffen, dass es bei diesem einzigen Seuchenausbruch bleiben wird.
Ich werde Euch auf alle Fälle auf dem Laufenden halten.



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15 Comments:


At 8/05/2007 10:30:00 vorm., Anonymous des pudels kern

ich kann mich gut daran erinnern wie ich in dem besagten sommer durch schottland stapfte und die ganze umgebung von der foot and mouth disease geprägt war. zwar konnten wir auf dem weg zu der ruine, wo mel gibson hamlet gedreht hat, durch die felder latschen (natürlich hat es geregnet...) und irgendwie querfeld ein wandern. ab und zu kam man aber schon an ungewöhnlichen absperrungen vorbei. ganz extrem war es dann bei der ruine, die etwas abseits der strasse an einer klippe stand. die war nämlich wegen foot and mouth geschlossen. wir waren also umsonst ein, zwei stunden durch den regen gewandert. dafür erblickten wir die massnahmen der angrenzenden höfe, die ihre einfahrten mit in plastik eingeschweissten strohballen verbarikadierten. um ihr anliegen ganz klar zu machen, hatten sie KEEP OUT in grossen lettern auf die ballen geschrieben. damals war also auch die bewgungsfreiheit der armen touristen wegen foot and mouth eingeschränkt. am flughafen hiess es dann, dass wir jetzt für eine woche weder auf einen bauernhof noch in den zoo dürften.
so viel zu meinen foot and mouth erlebnissen.

 

At 8/05/2007 10:40:00 vorm., Blogger ChliiTierChnübler

Damit hast Du die Auswirkungen als Tourist wirklich 1:1 mitbekommen.
Das nasse Wetter in England wird vom Virus zusätzlich geschätzt, weil es so länger überleben kann.
Mich beeindruckt, dass Du die Anweisung, keine Bauerhöfe und Zoos zu besuchen, immer noch weisst. Ich hatte diese Vorsichtsmassnahme nämlich bei der Aufzählung im Text vergessen :)

 

At 8/05/2007 12:44:00 nachm., Anonymous mm

tja, dan sind die wohl in meiner unmittelbaren nachbarschaft. und zwar hier: IVI

 

At 8/05/2007 01:17:00 nachm., Anonymous tonicwater

deine ausführungen zur mks sind sehr interessant, verfolge ich doch dieses thema (beruflich) ebenfalls. hoffe zumindest, dass es nicht noch grössere kreise ziehen wird. da heute jedoch sonntag ist, werde ich mich etwas angenehmeren themen widmen und die mks auf morgen montag im büro verschieben...

hoffe du kannst den sonnigen tag trotzdem auch noch geniessen!

 

At 8/05/2007 01:17:00 nachm., Anonymous tonicwater

deine ausführungen zur mks sind sehr interessant, verfolge ich doch dieses thema (beruflich) ebenfalls. hoffe zumindest, dass es nicht noch grössere kreise ziehen wird. da heute jedoch sonntag ist, werde ich mich etwas angenehmeren themen widmen und die mks auf morgen montag im büro verschieben...

hoffe du kannst den sonnigen tag trotzdem auch noch geniessen!

 

At 8/05/2007 01:57:00 nachm., Blogger ChliiTierChnübler

@Mm: Zum Glück nicht gefährlich für den Menschen ;)

@Tonicwater: Danke. Kennen wir uns eigentlich?

 

At 8/05/2007 02:26:00 nachm., Anonymous tonicwater

@CTC:
bitte!
nein, leider durfte ich die nette bekanntschaft noch nicht machen... ;-)
ich komme (beruflich) auch nicht aus der selben ecke wie du, aber die überschneidungspunkte sind immer wieder interessant. vorallem die personen, auf die man/frau dabei trifft. und dazu gehörst du auch :-)

 

At 8/05/2007 09:39:00 nachm., Anonymous Anonym

Hey Chnübli! du bisch dänn äs gschids Meitli, häts fast ä rasendä Reporter chönä gä us dier!! Wyter eso, wirdä no richtih gschid wäni da lise!!

 

At 8/06/2007 11:20:00 vorm., Anonymous ichdarfdas

Ich hatte den erneuten Ausbruch gar nicht mitbekommen. An der MKS sieht man (wieder mal) einen der Negativpunkte der Globalisierung, genauso wie beim Vogelgrippe-Virus oder SARS. Mir tun halt die vielen Viecher leid, die wegen EINES Restaurants sterben mussten.

Die Verwendung von Abfällen als Schweinefutter ist sowieso eine "Schweinerei"! Dadurch wird nicht nur MKS, sondern auch Vogelgrippe oder Prionen übertragen.

Guter Beitrag, da bleibst du dran?

 

At 8/06/2007 01:20:00 nachm., Blogger Dr Sno*

Für Leute, wie mich, die Clowns nun überhaupt nicht ausstehen können, eine ganz besonders schlimme Seuche...

 

At 8/06/2007 02:13:00 nachm., Anonymous chaetzle

Die Seuche soll diesmal aus einem Labor kommen? Das Virus soll ausgebüchst sein.... heisst es jetzt zumindest in den Medien.

 

At 8/06/2007 03:43:00 nachm., Blogger ChliiTierChnübler

@Tonicwater: ah soo.

@A: Jetzt noch den Namen drunter schreiben und dann glaub ich DIr das auch mit dem "Gescheiter werden" :)

@IchDarfDas: Welcome back. Prionen werden ja nur übertragen, wenn man HIrn, Augen, Rückenmark verfüttert. Was bei Fleisch ja im Schlachtprozess entfernt wird. Aber recht hast Du natürlich, ein einzelner Futterklumpen mit Prionen reicht schon, dass ein Nutztier an TSE erkranken kann im Laufe ihres Lebens und der Schlachtprozess ausserhalb Europas möchte ich doch sehr in Frage stellen punkt Sicherheit.

@Dr. Sno*: :P

@Chaetzle: Das wäre natürlich mehr als peinlich für England! Und eine Katastrophe sondergleichen. Zum Glück "nur" ein Virus das auf das Nutztier geht, man bedenke, wenn es ein humanpathogenes Virus gewesen wäre!!!

 

At 8/06/2007 07:43:00 nachm., Anonymous atomicbunny

@Ichdarfdas: Wieso? Ihr Schicksal wäre doch sonst auch der Tod gewesen!

 

At 8/09/2007 02:47:00 nachm., Anonymous Thinkabout

Ich möchte Ihnen von ganzem Herzen für diesen fundierten, Wissen vermittelnden Text danken!
Im Gegensatz zu mir können Sie auf Rhetorik verzichten und einfach Fakten nennen. Dies hinterlässt Wirkung!
Ich bin mit meiner Frau zusammen 2001 zum Vegetarier geworden. Die aktuellen Geschehnisse und vor allem der Tonfall in den Statements kommt mir sehr, sehr bekannt vor...

 

At 8/09/2007 04:24:00 nachm., Blogger Zechbauer

Ich war zur der Zeit in Irland. Die Grenze zu Nordirland wurde regelrecht "dicht" gemacht, und selbst in Dublin lagen vor allen öffentlichen Gebäuden (Museen etc.) die Matten durchnässt mit Seifelauge. Man hatte ständig nasse Schuhe - aber das ist ja in Irland nichts Neues.